Skip to main content

Jeder Mensch durchläuft in der Kindheit entscheidende Entwicklungsstufen, in denen emotionale und kognitive Kompetenzen geformt werden. Bereits in den ersten Lebensjahren lernen wir, ob die Welt sicher ist, ob sie von Fülle und Liebe geprägt ist und ob wir uns auf andere verlassen können. Diese frühen Erfahrungen schaffen eine innere Blaupause, die unser Erleben und Verhalten lebenslang beeinflusst.

Die Neurowissenschaft zeigt, dass frühe Bindungserfahrungen das Stresssystem, das Selbstbild und zwischenmenschliche Beziehungen nachhaltig formen. Emotionen und Erlebnisse sind grundsätzlich neutral; erst unsere subjektive Bewertung macht sie positiv oder negativ. Die Seele begreift im Grunde aber alle Erfahrungen als Fülle, denn auf einem höheren Bewusstseinslevel ist alles neutral. Je mehr wir durchleben, desto tiefer ist also sozusagen unser Brunnen der Ressourcen, aus dem wir schöpfen können.

Daher kommt auch meine Formulierung „Vom Opfer zum Schöpfer“.

Schöpfer erschaffen nicht wirklich etwas Neues. Sie schöpfen mit ihrer „Schöpfkelle“ aus dem Topf dessen, was bereits da ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie für alles verantwortlich sind, was geschehen ist. Ein Schöpfer ist nicht allmächtig. Er erschafft nicht das Trauma, sondern wählt bewusst, was er daraus macht. Auch Trauma kann als Ressource betrachtet werden – als Möglichkeit zur Transformation und zu innerem Wachstum. Bessel van der Kolk, ein führender Traumaforscher und Autor von The Body Keeps the Score (2014), beschreibt das folgendermaßen:

„Trauma bedeutet nicht nur Schmerz und Zerstörung, sondern kann auch der Beginn eines Prozesses der Transformation sein. Durch das Verarbeiten von Trauma und das Finden von Möglichkeiten zur Integration können wir tiefere Ebenen der Heilung erreichen, die unser Leben auf überraschende Weise bereichern und uns zu einem tieferen Verständnis von uns selbst und unserer Umwelt führen.“

Die unsichtbare Last des Traumas

Viele Menschen verdrängen traumatische Erlebnisse. Dafür gibt es viele Gründe und meist war der Mechanismus der Verdrängung überlebensnotwendig. Eigentlich denkt man auch, man könne sich so vor erneuter Verletzung schützen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Denn so wirken alte Muster weiter: Immer wieder werden Beziehungen sabotiert, Fortschritte zerstört und alte Wunden reaktiviert. Die Hoffnung, „diesmal wird es klappen“, endet oft in erneuter bzw. noch größerer Enttäuschung.

Studien zeigen, dass Täter sexuellen Missbrauchs häufig Persönlichkeitsstörungen aufweisen. Insbesondere treten narzisstische und Borderline-Persönlichkeitsstörungen vermehrt auf. Eine Untersuchung ergab, dass 18,2 % der Täter eine Borderline-Störung und 12,5 % eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufwiesen.

Merkmale narzisstischer Persönlichkeitsstörung

Übersteigertes Bedürfnis nach Bewunderung

Mangel an Empathie

Ausbeuterische Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Beziehungen

Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Instabile zwischenmenschliche Beziehungen

Intensive Emotionen und Stimmungsschwankungen

Impulsives Verhalten

Betroffene von sexuellem Missbrauch entwickeln oft unbewusst eine Anziehung zu Personen mit ähnlichen Persönlichkeitsstrukturen wie ihre Täter. Dies führt zu wiederholten Mustern von Abhängigkeit und Missbrauch in späteren Beziehungen.

Warum klassische Coaching- und Therapiemethoden oft nicht helfen

Trauma verändert das Erleben von sich Selbst und der Welt.

Ein Trauma ist nicht einfach eine Erinnerung an ein schlimmes Ereignis – es verändert fundamental, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen. Im Moment des Traumas passieren tiefgreifende neurologische und psychologische Prozesse, die weit über das bewusste Denken hinausgehen:

  • Die Grenzen zwischen Ich und Umwelt verschwimmen. Das Bewusstsein kann sich aufspalten, der Körper fühlt sich fremd an, Gedanken sind wie abgetrennt. Das führt dazu, dass man sich selbst nicht mehr als stabile Einheit erlebt.
  • Man übernimmt Anteile des Täters oder des Umfelds. Viele Traumatisierte spüren in sich selbst eine innere Stimme, die sie abwertet, beschämt oder kontrolliert – oft sind das die internalisierten Worte der Täter.
  • Der Körper reagiert mit Dissoziation oder hyperaktiver Stressreaktion. Während manche Menschen in eine Art Taubheit fallen (Dissoziation), sind andere in einem ständigen Alarmzustand gefangen – mit Panikattacken, Schlafstörungen und überflutenden Emotionen.
  • Affirmationen können als Schuldzuweisung empfunden werden. Sätze wie „Ich bin für alles verantwortlich“ können das Gefühl verstärken, am eigenen Leid selbst schuld zu sein, und das Trauma vertiefen, anstatt es zu lösen.

Trauma schafft ungesunde Bindungsmuster

Menschen, die in einem gewalttätigen oder vernachlässigenden Umfeld aufgewachsen sind, entwickeln oft unbewusste Bindungsmuster, die sie in toxische Beziehungen führen.

  • Loyalität gegenüber den Tätern. Manche Betroffene empfinden trotz allem eine enge Bindung an ihre Peiniger (Stockholm-Syndrom, Bindungstrauma). Dadurch kann es schwer sein, sich von missbräuchlichen Beziehungen zu lösen.
  • Wiederholung in toxischen Beziehungen. Unbewusst suchen sich viele traumatisierte Menschen Partner, Chefs oder Freunde, die sie genauso behandeln, wie sie es aus der Kindheit kennen – selbst wenn sie das bewusst nicht wollen.
  • Abhängigkeit von Gurus, Coaches oder Therapeuten. In der Hoffnung auf Heilung geraten manche in neue Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sie sich unbewusst wieder unterordnen.

Viele Coaching-Methoden reaktivieren das Trauma

Die Coaching-Industrie verspricht Selbstermächtigung – doch für traumatisierte Menschen können viele Methoden genau das Gegenteil bewirken.

  • Druck und Schuldgefühle. Aussagen wie „Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst“ können das Gefühl verstärken, selbst schuld am eigenen Leid zu sein.
  • Manipulationstechniken, die Täterdynamiken ähneln. Viele Coaches arbeiten mit Methoden, die Kontrolle, blinde Unterordnung und Vertrauensvorschuss einfordern – was den alten Missbrauchsmustern gleicht.
  • „ALL IN“ gehen kann eine Retraumatisierung sein. Wer aus Trauma heraus versucht, sich radikal zu verändern, kann sich dadurch selbst überfordern – mit dem Risiko, alte Wunden wieder aufzureißen.

Trauma löst sich nicht durch Sprache

Oft heißt es: „Sprich darüber, dann wird es besser.“ Doch genau das kann für traumatisierte Menschen schwierig oder sogar retraumatisierend sein.

  • Das Sprachzentrum (Broca-Areal) wird im Trauma blockiert. Forschungen zeigen, dass traumatische Erlebnisse oft nicht in Worte gefasst werden können. Betroffene sprechen in Fragmenten, haben Wortfindungsprobleme oder sogar Symptome wie Legasthenie.
  • Logische Erklärungen helfen oft nicht. Wer traumatisiert ist, kann rationale Argumente oft nicht aufnehmen – nicht, weil er nicht will, sondern weil sein Gehirn in einem anderen Modus arbeitet.
  • Zu viel Reden kann retraumatisierend wirken. Wenn über das Trauma gesprochen wird, als würde es gerade jetzt passieren, kann das den Stresszustand verstärken, anstatt ihn zu lösen.

Trauma aktiviert die rechte Gehirnhälfte

Während die linke Gehirnhälfte für Sprache und Logik zuständig ist, übernimmt die rechte Gehirnhälfte im Trauma die Kontrolle. Das hat tiefgreifende Auswirkungen:

  • Extreme Gefühle, Stress und Hypersensibilität. Die rechte Gehirnhälfte verarbeitet Emotionen intensiver – das führt dazu, dass Betroffene schneller in Panik geraten, sich überwältigt fühlen oder starke Reaktionen auf Trigger haben.
  • Das Denken wird bildhafter und assoziativer. Viele Traumatisierte denken in Bildern oder Fragmenten, haben intensive Träume oder Déjà-vu-Erlebnisse.
  • Deshalb sind alternative Heilmethoden oft effektiver. Arbeiten mit Bildern, Bewegung oder Körpertherapie kann das Trauma dort erreichen, wo Sprache nicht hinreicht.

Der Weg aus dem Trauma: Selbstermächtigung als bewusste Neugeborenheit

Wirkliche Heilung entsteht nicht durch Vermeidung oder Kampf gegen das Erlebte, sondern durch Integration und Selbstermächtigung.

  • Trauma muss im Nervensystem gelöst werden, nicht nur im Kopf. Somatische und kinästhetische Methoden wie EMDR, Metagraphie, TRE oder Polyvagal-Therapie helfen, die körperliche Stressreaktion zu regulieren.
  • Transformation beginnt mit Anerkennung. Der erste Schritt ist, sich selbst als „Opfer“ anzuerkennen – nicht im Sinne von Schwäche, sondern als Bestätigung des Erlebten. Erst dann kann der Weg zur Selbstermächtigung und zur Schöpfer-Identität beginnen.
  • Die wahre Loslösung vom Trauma ist eine bewusste Wiedergeburt. Dies gleicht einem „kleinen Tod“, einer vollständigen Ablösung von übernommenen Täteranteilen, destruktiven Mustern und der Opfer-Identität. In diesem Moment verändert sich die Wahrnehmung – ähnlich wie beim ursprünglichen Trauma, jedoch diesmal in vollem Bewusstsein. Diese Erfahrung führt zu innerem Frieden und einem tiefen Gefühl universeller Liebe.

Fazit: Trauma als Chance zur inneren Freiheit

Wirkliche Heilung bedeutet nicht, sich von der Vergangenheit abzutrennen, sondern sie als Teil der eigenen Fülle zu akzeptieren. Denn ohne den Schmerz kommen wir nicht in die Höhe – doch wenn wir ihn integrieren, können wir aus voller Kraft wachsen.

Nela

ist Coach, Designerin und Entwicklerin der Metagraphie®.

Leave a Reply