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Es gibt eine weitverbreitete Annahme, dass Opfer von Missbrauch schwach, unsicher und voller Selbstzweifel sind. Dass sie keine Liebe für sich selbst haben und ihr Selbstwert gestört ist. Doch das Gegenteil ist eigentlich eher der Fall. Täter suchen sich ihre Opfer nicht zufällig aus – sie wählen gezielt Menschen mit besonderer Stärke, Liebe und Selbstakzeptanz.

Warum? Weil genau das ihnen selbst fehlt.

Ein Mensch, der Würde, Authentizität, Selbstliebe und innere Kraft ausstrahlt, kann für jemanden, der all das nicht fühlt, unerträglich sein. Der Täter empfindet diese Stärke als Bedrohung und glaubt, dass er sie entweder zerstören oder sich einverleiben kann. Er denkt, wenn er das Opfer bricht, seine Liebe erstickt oder den Selbstwert erschüttert, dann wird er selbst weniger von seinem eigenen Mangel getriggert.

Doch hier liegt ein Irrtum vor.

Liebe ist keine greifbare Sache, die man nehmen oder zerstören kann. Sie ist eine Energie, eine Quelle, die unaufhörlich in dir plätschert.

Liebe ist kein Besitz, kein Zustand, den ein anderer Mensch kontrollieren kann. Sie ist wie das Licht der Sonne – selbst wenn Wolken davorziehen, ist sie nicht verschwunden. Sie ist wie ein Fluss, der unter der Erde weiterfließt, auch wenn man ihn an der Oberfläche nicht immer sehen kann.

Selbstwert und Selbstliebe sind nicht verhandelbar.

Sie waren immer da, tief in dir, unter all den Schichten von Projektionen. Deine Würde, dein Licht, deine innere Stärke sind unzerstörbar – egal, was man dir eingeredet hat.

Das bedeutet auch: Wenn du vorher ein Mensch voller Liebe und Würde warst, dann bist du es auch danach.
Der Missbrauch kann dich erschüttern, er kann Narben hinterlassen – aber er kann dich nicht in etwas verwandeln, das du nie warst. Es ist daher absolut unlogisch, dass du jetzt glauben sollst, du seist schwach, wertlos oder zerstört. Du warst es nie, denn sonst wärst du niemals zur Zielscheibe geworden.

Warum ist die Überzeugung, dass Opfer ihre Würde und Selbstliebe verlieren, so tief in unserer Gesellschaft verankert?

Missbrauch – sei er emotional, physisch oder sexuell – hinterlässt nicht nur Wunden auf der offensichtlichen Ebene. Er gräbt sich tief in das Selbstbild ein, oft durch einen Mechanismus, der für viele unsichtbar bleibt: die Projektion des Täters.

Mehr zum Thema Projektionen in diesem Beitrag: „Der unsichtbare Abdruck“

Wenn wir Missbrauch erleben, übernehmen wir häufig unbewusst die Sichtweise des Täters. Der Missbrauchende projiziert seine eigenen inneren Konflikte – seine Scham, seine Selbstablehnung, seine innere Leere – auf uns. Das bedeutet: Seine Abwertung seiner selbst wird zu unserer Abwertung.

Besonders bei narzisstischem Missbrauch ist dies ein zentraler Mechanismus. Der Narzisst fühlt sich innerlich klein, wertlos oder unzureichend, kann sich diesen Gefühlen aber nicht stellen. Stattdessen überträgt er sie auf sein Opfer: Durch Manipulation, Demütigung und Abwertung sorgt er dafür, dass der andere sich minderwertig fühlt – damit er selbst sich erhaben fühlen kann.

Typische Folgen von narzisstischem Missbrauch:

Chronische Selbstzweifel: „Bin ich wirklich so wenig wert?“
Gaslighting: Die eigene Wahrnehmung wird infrage gestellt.
Angst vor Nähe: Vertrauen fällt schwer, weil Liebe mit Schmerz verknüpft wurde.
Perfektionismus: Der ständige Versuch, „gut genug“ zu sein.

Sexueller Missbrauch fügt dieser Dynamik eine noch tiefere Ebene der Scham und Entfremdung hinzu. Der Täter überträgt zusätzlich auch seine eigene verdrängte Scham auf das Opfer, oft auf subtile Weise.

Kinder haben noch kein gefestigtes Selbstbild. Sie interpretieren die Handlungen des Täters oft so, als ob sie selbst falsch, unwürdig oder eklig seien. Doch egal in welchem Alter, die Schattenprojektion wirkt in Ausnahmesituationen immer. Ist sie auch eine Möglichkeit für das Opfer, zu überleben. So tragen die Energie des Täters – und vergessen, dass sie niemals ihre eigene war.

Typische Folgen von sexuellem Missbrauch:

Tiefe Schamgefühle, oft ohne bewusste Erinnerung an den Ursprung.
Schwierigkeiten mit Intimität und/oder Grenzen.
Selbstbestrafung durch destruktive Muster (z. B. Selbsthass, Essstörungen).
Schwierigkeiten, den eigenen Körper zu akzeptieren oder darin „zuhause“ zu sein.

Dem Menschen kann man alles nehmen, nur eines nicht: die letzte der menschlichen Freiheiten – sich zu seiner eigenen Haltung zu verhalten.

Viktor Frankl

Die Reaktionen der Außenwelt: Wenn andere ihre Ängste auf dich projizieren

Missbrauch ist nicht nur für die Betroffenen schwer – auch das Umfeld ist oft überfordert. Eigene Themen und verdrängte Ängste kommen hoch. Statt einfach zuzuhören, reagieren viele mit ihren eigenen Glaubenssätzen:

Das kann man nie heilen. 
Oh Gott, du musst dich ja wertlos fühlen!
Ich könnte nie damit leben. Wie kannst du überhaupt noch lachen?

Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich zufällig in einer Klinik mithörte. Ich war dort wegen meiner CFS/ME-Erkrankung – umgeben von Jugendlichen mit Essstörungen, Borderline und psychosomatischen Erkrankungen.

Immerhin bin ich nicht sexuell missbraucht worden. Damit wird man für immer gestört sein!

Ich wollte nicht hinhören, mich nicht damit identifizieren. Doch die Szene blieb – unauslöschlich.

Diese Sätze sind oft unbedacht oder sogar gut gemeint, doch sie bestätigen unbewusst genau das, was der Täter wollte: das Opfer in Ohnmacht halten. Sie wirken wie eine kleine Retraumatisierung.

Doch die Wahrheit ist:

Nein, das muss nicht so sein.

Nur weil etwas Schreckliches geschehen ist, heißt das nicht, dass dein Wert zerstört wurde. Nur weil andere nicht wissen, wie sie mit deiner Geschichte umgehen sollen, heißt das nicht, dass du es nicht kannst.

Oft reagieren Menschen auch mit Schweigen oder vergessen alles wieder, was ihnen erzählt wurde. Diese Nicht-Reaktionen wirken anders, aber für den Heilungsprozess sind sie ebenso problematisch.

Man wagt es, sich anzuvertrauen – und dann?

Stille.
Ein Themenwechsel.
Ein unsicheres Nicken – und nie wieder eine Erwähnung.

Ach, war das wirklich so schlimm?
Oh, das hab ich gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt.
Nein, das hast du mir noch nie erzählt!

Für das Opfer fühlt es sich an, als würde die eigene Geschichte im Nichts verschwinden – als hätte sie nie existiert.

Mir ist diese komplette Amnesie häufiger begegnet, als sich Nichtbetroffene vorstellen können. Sogar eine Kinder-Psychologin hatte vergessen, was wir vier Wochen zuvor im Anamnese-Gespräch besprochen hatten. (Und das darf bei Fachleuten natürlich nicht passieren!)

Warum tun Menschen das?

  • Weil die Wahrheit ihre Welt erschüttert.
  • Weil sie sich ihrer eigenen Hilflosigkeit nicht stellen wollen.
  • Weil sie sich möglicherweise schuldig fühlen würden.
  • Weil eigene Themen hochkommen, die sie nicht ertragen könnten.
  • Weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen – und stattdessen schweigen.

Doch für Betroffene bedeutet das doppelte Verwirrung und Unsichtbarkeit: Erst durch den Täter, dann durch eine Außenwelt, die so tut, als wäre nichts passiert.

Doch das Schweigen anderer macht deine Geschichte nicht weniger real.

Du existierst.
Deine Geschichte existiert.
Und du verdienst es, gehört zu werden.

Bis du das Unbewusste bewusst machst, wird es dein Leben steuern, und du wirst es Schicksal nennen.

C.G. Jung

Was, wenn Heilung möglich ist?

Die eigentliche Herausforderung liegt in den übernommenen, unbewussten Energien, negativen Aspekten und Bewertungen, die du als deine identifizierst – die aber nicht zu dir gehören.

Deine Wunden können heilen.
Sie sind schlimm, aber sie können heilen – wenn du daran glaubst und sie dir bewusst sind.

Viele Übertragungen geschehen allerdings unbewusst. Du weißt gar nicht, dass du sie hast. Du denkst, es seien deine Gefühle, deine Wahrheiten, dein Selbst. Das macht sie sehr schwer, was zu überwinden. Denn natürlich kannst du in dir nichts heilen, was gar nicht deins ist.

Zuerst musst du erkennen, dass du etwas trägst, was nicht zu dir gehört – sondern Teile des Täters oder Glaubenssätze anderer Menschen sind. Dann kannst du diese Anteile „zurückgeben“ bzw. eher abstoßen. (Der Prozess ist deutlich heftiger und rabiater, als das Wort „zurückgeben“ suggeriert.)

Oft heißt es, das Umfeld sei ein Spiegel. Das stimmt grundsätzlich natürlich auch. Gerade in dysfunktionalen Beziehungen oder toxischen Familien dient das jedoch oft als Ausrede, um in ungesunden Mustern zu bleiben.

Missbrauchsopfer glauben ohnehin viel zu oft, an allem schuld zu sein. Daher empfehle ich dir, dich nicht zu sehr in Selbstzweifeln und den Gedanken zu verlieren, was das „jetzt wohl mit mir zu tun hat“, oder „was die mir damit sagen und spiegeln möchten“…

In diesem Fall spiegelt dein Umfeld nämlich nicht dich – sondern seine eigene Angst vor Trauma, Leid und Veränderung.

Und du darfst ihnen diese Ängste lassen.
Sie gehören nämlich nicht dir.

Vom Opfer zum Schöpfer: Der Weg zurück zu dir

Heilung bedeutet, falsche Überzeugungen zu entlarven und bewusst zurückzuweisen:

  • Erkenne die Projektionen: Sind diese negativen Überzeugungen wirklich deine? Oder wurden sie dir übergestülpt?
  • Setze Grenzen: Narzissten und Täter versuchen, Kontrolle zu behalten. Grenzen ziehen heißt, sich diese Kontrolle zurückzuholen.
  • Erkenne deinen Wert: Dein Wert war niemals von der Meinung oder den Taten eines anderen abhängig.
  • Sei die Quelle deiner eigenen Liebe: Niemand kann dir die Liebe für dich selbst nehmen – denn sie existiert nur in dir.
  • Suche bewusste Unterstützung: Therapie, Coaching oder Gruppen können dir helfen, dich von übernommenen Schatten zu lösen.

Und falls du jemals wieder das Gefühl hast, weniger wert zu sein oder keine Selbstliebe empfinden zu können, erinnere dich daran:

Das ist nicht deine Wahrheit.

Es sind die Worte und Gedanken anderer, die dir übergestülpt wurden.

Heute kannst du entscheiden, dass du diese Gedanken nicht länger tragen willst.
Du bist wertvoll. Du bist liebenswert. Und du warst es schon immer.
Nela

ist Coach, Designerin und Entwicklerin der Metagraphie®.

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