Es gibt Gefühle, Empfindungen und Zustände, für die es kaum Worte gibt – die sich schwer greifen oder erklären lassen. Die Depersonalisation ist einer davon.
Normalerweise kann ich sehr gut beschreiben, was in mir vorgeht und wie sich etwas anfühlt. Doch wenn es um die Depersonalisation geht, stoße ich an eine Grenze. Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl, werde es vermutlich nie vergessen – und doch fehlen mir hier die Worte…
Trotzdem versuche ich es.
Was ist Depersonalisation?
Depersonalisation ist ein Zustand der Entfremdung von sich selbst. Betroffene fühlen sich losgelöst von ihrem Körper, ihren Emotionen oder ihrer Wahrnehmung. Es ist, als würde man durch eine Glasscheibe auf sich selbst blicken oder aus der Perspektive eines Außenstehenden auf das eigene Leben schauen. Man sieht alles – aber es fühlt sich nicht wirklich real an. Manche Menschen beschreiben es, als wäre ihr „Ich“ leicht verschoben, wie ein Schatten, der dem Original um einige Zentimeter versetzt folgt.
Oft tritt die Depersonalisation gemeinsam mit Derealisation auf. Während die Depersonalisation das eigene Erleben betrifft, verändert die Derealisation die Wahrnehmung der Umwelt.
Menschen mit Derealisation erleben ihre Umgebung als fremd, künstlich oder unwirklich – wie durch eine Nebelwand. Farben erscheinen blass, Geräusche verzerrt, Menschen wirken roboterhaft oder wie Schauspieler in einem Film. Viele Betroffene leiden unter beiden Zuständen gleichzeitig.
Ich schreibe hier der Einfachheit halber nur von Depersonalisation, meine aber die Kombination von beiden Zuständen.
Diese können sich schleichend entwickeln und über Jahre hinweg bestehen bleiben oder plötzlich auftreten – oft ohne erkennbare Ursache. Anders als eine Panikattacke, die in Wellen kommt und wieder abklingt, halten diese Zustände oft über Wochen, Monate oder sogar Jahre an.
Viele Betroffene wissen lange nicht, was mit ihnen geschieht. Sie denken, sie seien verrückt oder einfach „anders als andere Menschen“ – bis sie zufällig auf den Begriff „Depersonalisation“ stoßen und erkennen, dass es eine Bezeichnung für ihre seltsame Wahrnehmung gibt.
Warum passiert Depersonalisation?
Sigmund Freud beschrieb die Depersonalisation als Abwehrmechanismus des Gehirns. Es ist ein Schutzmechanismus, der dazu dient, unerträgliche Emotionen oder Erinnerungen von der eigenen Identität abzuspalten.
Ein Trauma kann das Ich-Gefühl so stark bedrohen, dass sich das Gehirn in eine Art „Notmodus“ versetzt – eine Schutzblase, in der man zwar funktioniert, aber nicht mehr richtig fühlt.
Trauma ist aber nicht die einzige Ursache. Auch chronischer Stress, Überforderung, Erschöpfung oder sogar meditative Zustände können Depersonalisation auslösen. Manche berichten, dass sie nach intensiver kreativer Arbeit oder langen Stunden am Computer in eine Art Depersonalisationszustand geraten.
Die Symptome der Depersonalisation
- Veränderte Wahrnehmung: Die Umgebung erscheint fremd, flach oder wie eine Kulisse in einem Film. Farben wirken blass, Geräusche gedämpft oder verzerrt, als kämen sie von weit her. Menschen und Gegenstände können wie durch eine unsichtbare Barriere getrennt erscheinen. Manche Betroffene berichten, dass Entfernungen und Proportionen schwer einzuschätzen sind – Türen wirken plötzlich zu klein oder zu groß, Straßen scheinen sich zu verzerren. Selbst die eigene Stimme kann fremd klingen, als käme sie aus einem anderen Raum.
- Automatisiertes Verhalten: Man funktioniert wie auf Autopilot – spricht, handelt, erledigt Dinge – doch es fühlt sich nicht an, als würde man es wirklich selbst tun. Bewegungen erscheinen mechanisch, fast so, als würde man von außen gesteuert. Manche Menschen nehmen sich dabei selbst als Zuschauer wahr: Sie beobachten sich beim Lächeln, beim Gehen oder Sprechen, ohne dass es sich „echt“ anfühlt. Manchmal hält man inne und realisiert, dass man unbewusst eine Mimik oder Geste eingenommen hat – als würde der Körper einfach weitermachen, obwohl das Bewusstsein nicht richtig „anwesend“ ist.
- Emotionale Taubheit: Gefühle sind gedämpft oder kaum spürbar. Freude, Trauer oder Angst erscheinen weit entfernt – nicht im Sinne einer Depression, sondern weil alles „verschoben“ und „entrückt“ wirkt. Es ist, als würde eine unsichtbare Barriere zwischen den eigenen Emotionen und dem bewussten Erleben stehen. Man weiß rational, dass man eigentlich glücklich oder traurig sein müsste, doch das Gefühl erreicht einen nicht wirklich. Manche Betroffene beschreiben es als „Leben hinter Glas“ oder „in Watte gepackt“ – alles ist da, aber nicht greifbar.
- Verändertes Körpererleben: Der eigene Körper fühlt sich fremd an, als gehöre er nicht wirklich zu einem. Manche empfinden sich als schwerelos, fast wie ein Geist, während andere das Gegenteil erleben – sie fühlen sich riesig oder winzig, als würden ihre Proportionen nicht mehr stimmen. Auch Bewegungen können sich ungewohnt anfühlen, als würde man sich nicht selbst steuern. Einige berichten, dass sie ihren eigenen Körper nur noch visuell wahrnehmen, aber keine echte Verbindung zu ihm spüren.
- Verändertes Zeitgefühl: Erinnerungen erscheinen seltsam fern oder verschwommen. Ereignisse von gestern fühlen sich an, als lägen sie Jahre zurück, während andere Erlebnisse aus der Kindheit merkwürdig präsent erscheinen. Manche Betroffene haben Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was sie am selben Tag getan haben, weil sich alles so unwirklich anfühlt. Es kann sich anfühlen, als würde man durch die Zeit treiben, ohne echten Bezug zu Vergangenheit oder Zukunft.
- Angst, verrückt zu werden: Da sich das gesamte Erleben verändert hat, wächst die Angst, die Kontrolle über sich oder die Realität zu verlieren. Viele Betroffene fragen sich, ob sie in eine Psychose abrutschen oder ob sie jemals wieder „normal“ empfinden können. Besonders beängstigend ist, dass sich dieser Zustand oft rational nicht erklären lässt – man fühlt sich fremd im eigenen Leben, ohne genau benennen zu können, warum. Diese Angst kann einen Teufelskreis auslösen: Je stärker man gegen die Depersonalisation ankämpft, desto präsenter scheint sie zu werden.
Meine Heilung durch Migräne und Anerkennung dessen, was war
Bei mir betraf die Depersonalisation vor allem das Körperempfinden und die visuelle Wahrnehmung. Ich wusste nicht, dass mein Zustand eine „Störung“ war – für mich war er einfach normal. Schließlich begleitete mich dieses Gefühl schon seit meiner Kindheit.
Es vermischte sich mit meinem CFS/ME, bei dem „Brain Fog“ ein prägendes Symptom war. Die Grenzen zwischen beiden Zuständen verschwammen, und ich war es gewohnt, dass das Leben extrem anstrengend war – dass jede Handlung und jeder Gedanke Kraft kostete. Erst mit 30 wurde mir bewusst, dass nicht jeder Mensch diese Erschöpfung und dieses diffuse Fremdheitsgefühl erlebte. Ich las den Wikipedia-Eintrag zur Depersonalisation – und plötzlich ergab alles Sinn. Bis dahin hatte ich einfach funktioniert, weil ich dachte, das Leben fühle sich für alle so an.
Das Schlimmste an der Depersonalisation war für mich nicht einmal die Anstrengung oder die Unwirklichkeit der Welt – sondern das Gefühl, selbst nicht richtig „da“ zu sein. Es fühlte sich an, als wäre ich nur ein Hologramm, während die Menschen und Gegenstände um mich herum in einer anderen Dimension oder Matrix existierten. Sie taten nur so, als wären sie da, wo ich war – aber sie waren es nicht. Ich wollte Verbindung spüren, Teil des Ganzen sein. Doch alles blieb hinter einem Schleier.
In akuten Phasen versuchte ich, mich mit kaltem Wasser zu übergießen, den Kopf auf den Tisch zu schlagen oder wie verrückt zu blinzeln – in der Hoffnung, wieder klar zu sehen und in die „richtige“ Realität zurückzufinden. Doch nichts half. Also blieb nur die Hoffnung, dass dieser entrückte Zustand irgendwann so plötzlich verschwinden würde, wie er gekommen war. Meist tat er das nach ein paar Tagen. Manchmal hielt er Wochen an.
Dann kam die Wende – mit meiner ersten Migräne. Ich war 32 Jahre alt und wir renovierten unser gerade gekauftes Haus, das sich ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt befand. Ich torkelte fast blind vor Schmerz von der Baustelle nach Hause, übergab mich mehrmals und hatte das Gefühl, mein Kopf würde zerspringen. Nach ein paar Stunden Schlaf wachte ich wieder auf – und mir wurde erneut übel.
Aus Angst, dass diese Migräne nun immer wiederkehren würde (tat sie zum Glück nicht!), begann ich, darüber zu lesen. In meiner Recherche stieß ich auf einen Artikel über Depersonalisation – und plötzlich verstand ich: Das war es also, was ich all die Jahre erlebt hatte. Und noch wichtiger – ich stellte fest, dass ich diesen Zustand gerade, während der Migräne, nicht hatte.
In diesem Moment traf ich eine Entscheidung. Ich sagte mir:
„Okay, das hatte ich also all die Jahre und dachte, das sei normal. Und andere können damit nicht einmal arbeiten gehen. Ich habe unglaubliche Durchhaltekraft bewiesen – und ich entscheide mich jetzt, dass es einfach nicht mehr zurückkommt.“
Ich kann nicht erklären, warum diese Entscheidung so stark war. Aber sie war es. Ich beschloss bewusst, in meinem Körper zu sein. Ich akzeptierte, dass die Welt vielleicht nicht perfekt ist, dass ich vielleicht nicht „normal“ bin – aber dass diese Welt meine Realität ist.
Nach dieser bewussten Entscheidung kam die Depersonalisation nie wieder.
War es Zufall?
War es die Migräne?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Klappt das bei jedem?
Klappt es immer?
Sicher nicht. Aber bei mir hat es funktioniert.
Was eigentlich gegen Depersonalisation hilft
Bisher gibt es keine eindeutige, universell wirksame Therapie gegen Depersonalisation. Da der Zustand oft mit Angststörungen oder Trauma zusammenhängt, setzen viele Psychiater und Therapeuten auf eine Kombination aus Psychotherapie, Achtsamkeitsübungen und körperzentrierten Techniken.
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Ziel ist es, die angstauslösenden Gedanken zu identifizieren und zu verändern. Besonders hilfreich kann es sein, den Zustand nicht als „gefährlich“ zu interpretieren, sondern als eine vorübergehende Reaktion des Gehirns.
- Bodyscans & Körperarbeit: Da viele Betroffene das Gefühl haben, von ihrem Körper getrennt zu sein, kann gezieltes Körperbewusstsein (z. B. durch Yoga, Progressive Muskelentspannung oder Bewegungstherapie) helfen, die Verbindung wiederherzustellen.
- Achtsamkeit & Erdungstechniken: Übungen wie bewusstes Atmen, das Berühren von Texturen oder das bewusste Wahrnehmen von Temperaturen können helfen, wieder mehr Präsenz im eigenen Körper zu spüren.
- Annehmen statt Ankämpfen: Experten raten oft davon ab, gegen die Depersonalisation anzukämpfen. Stattdessen kann es helfen, den Zustand zu akzeptieren, ihn zu beobachten und bewusst „im Hier und Jetzt“ zu bleiben. (Das passt zu dem, was bei mir geholfen hat!)
Einige Psychiater experimentieren mit Medikamenten (z. B. SSRIs oder Lamotrigin), aber es gibt bisher keine spezifische medikamentöse Behandlung, die zuverlässig wirkt.
Letztendlich ist Depersonalisation ein komplexes Phänomen, das individuell sehr unterschiedlich verläuft. Während sie für manche eine vorübergehende Reaktion auf Stress ist, kann sie für andere chronisch werden. Der wichtigste Schritt ist oft, zu verstehen, dass man nicht „verrückt“ ist – und dass es Wege gibt, den Zustand zu lindern.
Eine spirituelle Perspektive auf Depersonalisation
Vielleicht könnte man die Depersonalisation auf einer spirituellen Ebene so erklären: Das Selbst ist nicht vollständig im Körper inkarniert, verliert immer wieder die Bodenhaftung, die Seele entschwindet und springt durch Zeit und Raum. Es ist eine art von Erwachenszustand, aber dieser kollidiert mit der irdischen Welt. Ein Teil des Bewusstseins ist sich der Illusion dieser Welt bewusst und gleitet aus dem Körper und der 3D-Welt. Doch kann den Kontakt nicht halten. Der Zustand erinnert an eine Out-of-Body-Erfahrung – als hätte man nach dem Nahtod nicht vollständig zurückgefunden und irrt nun wie ein Geist umher.
In meinem Fall kam dieser Zustand nicht durch Meditation, bewusstseinserweiternde Drogen oder Trigger – sondern einfach aus dem Nichts, ohne einen klaren Auslöser.
Macht Depersonalisation kreativer?
Es gibt Theorien, dass Menschen mit Depersonalisation oft besonders kreative Köpfe sind. Ihr verändertes Wahrnehmungserleben kann ihnen ermöglichen, die Welt auf eine Weise zu sehen, die anderen verborgen bleibt.
Viele Künstler, Schriftsteller und Musiker berichten, dass sie in ihren kreativsten Phasen ein Gefühl der Entfremdung erleben. Sie beschreiben es als eine Art geistige Distanz zur Realität, die es ihnen erlaubt, Dinge aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten. Es ist, als würde ihr Bewusstsein sich vom Körper lösen und aus der Vogelperspektive auf das Leben blicken – losgelöst von alltäglichen Sorgen oder gesellschaftlichen Konventionen.
Es gibt auch eine neurologische Erklärung für diesen Zusammenhang: Trauma kann zu einer verstärkten Aktivität der rechten Gehirnhälfte führen, was wiederum die Kreativität beeinflusst. Die rechte Hemisphäre ist stärker für bildhaftes Denken, Intuition und emotionale Verarbeitung zuständig – Fähigkeiten, die für Kunst, Musik und Literatur essenziell sind. Menschen mit traumatischen Erfahrungen entwickeln oft eine erhöhte Sensibilität für symbolische und abstrakte Konzepte, da ihr Gehirn auf alternative Denkweisen ausweicht, um mit intensiven Emotionen umzugehen.
Da Depersonalisation häufig als eine Schutzreaktion des Gehirns auf Trauma oder extreme Belastung auftritt, könnte dieser Mechanismus erklären, warum so viele kreative Menschen von Depersonalisation betroffen sind. Die Fähigkeit, sich mental von der Realität zu distanzieren, kann sowohl ein Überlebensmechanismus als auch eine kreative Superkraft sein – je nachdem, wie sie genutzt wird.
Dennoch bleibt die Frage: Fördert die Depersonalisation die Kreativität, oder sind es eher kreative Menschen, die zu Depersonalisation neigen? Vielleicht ist es genau diese Fähigkeit, sich selbst und die Realität infrage zu stellen, die beide miteinander verbindet.
Übrigens bin ich definitiv produktiver geworden, seit ich keine Depersonalisation mehr habe. Eine Reduzierung meiner Kreativität habe ich nicht festgestellt.
Metagraphie – Bewusst mit Depersonalisation umgehen
Inzwischen habe ich Metagraphie-Übungen entwickelt, mit denen du deine Wahrnehmung besser verstehen und „sehen“ kannst, wie du die Welt erlebst. Diese Methoden helfen dir, den depersonalisierten Zustand bewusster wahrzunehmen, seinen Sinn darin zu erkennen und vielleicht sogar eine neue Perspektive darauf zu gewinnen.
Denn auch wenn Depersonalisation eine Herausforderung sein kann, kann sie gleichzeitig ein Zugang zu einer besonderen Art der Wahrnehmung sein. Vielleicht kann sie gehen, wenn du entschlüsselt hast, wovor dein Gehirn dich schützen will.
Du findest diese Übungen in Perla und Vesta.
Du bist nicht verrückt und du wirst es auch nicht.
Depersonalisation kann sich anfühlen, als würde man sich selbst verlieren oder die Verbindung zur Umwelt. Auch die Angst, verrückt zu werden bzw. für verrückt gehalten zu werden, ist sehr belastend. Doch du bist nicht verloren und du bist auch nicht verrückt.
Dein Gehirn versucht, dich zu schützen. Du kannst lernen, dich sanft zurückzuholen – in deinen Körper, in deine Wahrnehmung, in dein Leben.
Es ist möglich, diesen Zustand zu überwinden. Und wahrscheinlich ist er sogar ein Zeichen für dein besonderes Bewusstsein, deine überdurchschnittliche Sensibilität – und deine außergewöhnliche, einzigartige Art, die Welt zu sehen.
Du bist hier.
Du bist echt.
Du bist Teil dieser Welt.
Und du bist nicht allein.